Was ist ein Narzisst? Psychologische Definition und praktische Erkennung
Der Begriff Narzisst wird im täglichen Sprachgebrauch mittlerweile häufig verwendet. Gewissermaßen ist es sogar eine Mode, Menschen, die sich nicht kooperativ oder konform verhalten, schnell als Narzissten abzustempeln. Doch Narzissmus ist etwas anderes als Egoismus oder Egozentrik. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine tiefgreifende psychische Störung mit spezifischen Merkmalen. Was ist ein Narzisst? Wir erklären Ihnen alles, was Sie wissen müssen.
Psychologische Definition: Narzisstische Persönlichkeitsstörung
Bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) handelt es sich um eine grundlegende Störung des Selbstwertgefühls. Sie führt zu einem Mangel an Empathie, Überschätzung der eigenen Bedeutung und einem gesteigerten Verlangen nach Anerkennung.
Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass Narzissten eine innere Realität haben, die nicht mit dem nach außen gezeigten Selbst übereinstimmt. Narzissten lehnen ihr echtes Selbst ab und leiden unter einer inneren Leere. Das Selbstbewusstsein ist ein Kompensationsmechanismus für das niedrige Selbstwertgefühl.
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung wird nach ICD-10 mit dem Code F60.8 klassifiziert. Das DSM-5 definiert sie als ein tiefgreifendes Muster von Großartigkeit, durchgehendes Bedürfnis nach Bewunderung und Mangel an Einfühlungsvermögen.
Unser Tipp: Es ist immer wichtig, sich bei Fachleuten zu informieren, sei es bei psychologischen Themen oder bei einem Thema wie: Was ist PMS?
Merkmale eines Narzissten
Es gibt charakteristische Merkmale, an denen Narzissten zu erkennen sind. Allerdings ist Vorsicht geboten, denn jedes dieser Merkmale allein genügt nicht, um Narzissmus zu diagnostizieren. Nur wenn nahezu alle Merkmale erfüllt sind, ist eine Diagnose dieser psychischen Störung wahrscheinlich.
1. Übertriebenes Selbstwertgefühl und Grandiosität: Für Narzissten ist die eigene Wichtigkeit und Besonderheit das zentrale Lebensgefühl. Die vermeintliche Grandiosität müssen sie immer wieder direkt oder indirekt selbst hervorheben.
2. Exzessives Bedürfnis nach Bewunderung: Ein Narzisst will nicht nur großartige Dinge tun, sondern auch dafür bewundert werden. Deswegen sucht er sich bevorzugt Menschen, die ihm diese Bewunderung schenken. In der Wissenschaft wird auch von „Narcissistic Supply“, also nach narzisstischer Versorgung, gesprochen.
3. Mangel an Empathie: Da ein Narzisst in erster Linie mit sich selbst beschäftigt ist, fehlt ihm die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen. Narzissten sind nicht willens und oft auch nicht dazu in der Lage, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen zu erkennen und zu verstehen. Zudem fehlt ihnen gerade auch in Beziehungen echte emotionale Wärme.
4. Ausbeuterisches Verhalten: Viele Narzissten deuten gezielt andere Menschen auch in ihrem Umfeld aus, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Sie setzen Menschen als Mittel zum Zweck ein. Dabei sind immer nur die Ziele des Narzissten interessant, nicht aber die Bedürfnisse der benutzten Personen.
5. Anspruchsdenken: Narzissten möchten nicht nur bewundert werden, sondern aufgrund ihrer vermeintlichen Einzigartigkeit auch bevorzugt behandelt werden, ohne dass sie entsprechende Leistungen bringen. Sie verdienen nach ihrer eigenen Einschätzung nur das Beste und glauben, dass Regeln nur für andere Menschen da sind.
6. Kritikunfähigkeit und Empfindlichkeit: Es ist üblich für Narzissten, jegliche Kritik als Angriff zu werten. Die hohe Empfindlichkeit ergibt sich aus dem Umstand, dass Narzissten im Kern kein hohes Selbstbewusstsein haben, sondern tief verankerte Selbstzweifel. Kränkungen oder Vorwürfe führen oft zu Wutausbrüchen. Bei Misserfolgen werden oft andere verantwortlich gemacht.
7. Neid und Misstrauen: Viele Narzissten sind neidisch auf erfolgreiche Menschen. Daraus ergibt sich auch ein tiefes Misstrauen gegenüber anderen, denn ein Narzisst glaubt immer, dass andere Menschen neidisch auf ihn sind.
Narzissmus in verschiedenen Ausprägungsformen
In der Wissenschaft werden verschiedene Typen von Narzissmus beschrieben. Die folgenden Manifestationen sind weit verbreitet:
Der grandiose Narzisst
Ein grandioser Narzisst wirkt charismatisch, dominant und leistungsfähig. Dieser Typ landet oft in einer Führungsrolle oder strebt eine Führungsrolle an. Auf Kritik reagiert der grandiose Narzisst äußerst sensibel, zeigt dies aber nicht immer, sondern rächt sich gegebenenfalls im Nachhinein. Typisch ist bei dieser Variante auch, dass die Personen andere Menschen gezielt zur Selbsterhöhung nutzen.
Der verletzliche (vulnerable) Narzisst
Ein verlässlicher Narzisst ist oft unsicher, passt sich übermäßig an oder ist sehr perfektionistisch. Er definiert sich über die Rollen und Erwartungen anderer. Wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen, drängt er sich gerne nach vorn. Es geht aber immer darum, Anerkennung zu erzielen. Wenn diese Anerkennung nicht kommt, flüchtet sich der vulnerable Narzisst schnell in eine Opferrolle.
Der maligne Narzisst
Der maligne Narzisst ist besonders problematisch, denn er ist nicht nur misstrauisch, sondern auch aggressiv und kontrollierend. Er nutzt emotionale und psychische Gewalt, um andere Menschen gefügig zu machen. Jede Kränkung wird mit direkter oder indirekter Rache beantwortet. Typisch sind antisoziale Tendenzen. Nicht selten werden maligne Narzissten gewalttätig, auch und gerade gegen Partner.
Praktische Erkennungszeichen: Wie erkennt man einen Narzissten?
Es gibt einige Verhaltensweisen und Warnsignale, die auf narzisstische Persönlichkeitszüge hindeuten können.
- Kritikunfähigkeit und Rachsucht: Die Person reagiert auf Kritik mit Wut oder Rückzug und agiert rachsüchtig.
- Anspruchshaltung: Die Person erwartet übermäßige Anerkennung und bevorzugte Behandlung ohne entsprechende Leistungen.
- Bedürfnis nach Mittelpunkt: Die Person hat ein ständiges Verlangen, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen und bewundert zu werden.
- Kontrollbedürfnis und Manipulation: Die Person kontrolliert andere und nutzt manipulative Strategien wie Gaslighting.
- Missachtung von Grenzen: Die Person respektiert die persönlichen Grenzen anderer Menschen nicht.
- Verantwortungsverweigerung: Die Person verweigert Verantwortung und sucht nach Sündenböcken für ihre Fehler.
- Mangelnde Empathie: Fehlendes Mitgefühl für Menschen, die der Person keine Bewunderung entgegenbringen.
- Schwarz-Weiß-Denken: In der Welt der Person gibt es nur Kategorien wie „großartig“ und „minderwertig“, aber kein Verständnis für Graustufen.
Umgang mit Narzissten: Praktische Strategien
Der Umgang mit narzisstischen Personen ist emotional belastend und erfordert Gegenmaßnahmen:
- Grenzen setzen: Klare, konsistente Grenzen etablieren und nicht verhandelbar machen.
- Keine emotionalen Reaktionen geben: Narzissten suchen nach Aufmerksamkeit. Wenn Sie einen Narzissten bestrafen möchten, sollten Sie ihn ignorieren.
- Selbstschutz priorisieren: Es ist immer wichtig, die eigene psychische Gesundheit zu schützen.
- Keine Erwartungen haben: Narzissten werden sich nicht ändern, um andere nicht zu verletzen.
Professionelle Hilfe suchen: Professionelle Unterstützung ist spätestens dann empfehlenswert, wenn ein regelmäßiger Leidensdruck entsteht, etwa in einer Beziehung.
